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Armut unter Jérôme Bonaparte?

Schon bevor Jérôme nach Kassel zog, wurde das Savoir-vivre der Franzosen vor allem in den gehobenen Kreisen geschätzt, geliebt und nachgeahmt. Vom Ragoût über die Schulbildung bis hin zur Kleidung: Alles war sehr französisch, à la mode sozusagen. Das wurde noch verstärkt, als Jérôme in Cassel lebte und es zur Hauptstadt von Westphalen machte. Prächtige Bälle und Feste wurden hier von Jérôme veranstaltet und Hofstaat und Adel lebten gut. Doch wie erging es dem einfachen Bürger unter Jérôme? Was änderte sich für ihn?

Schon bevor Hessen 1806 von den Franzosen besetzt worden war, sprach sich sogar der einfache Mann in Cassels Straßen mit dem eher schlecht als recht gesprochenen "Bunschur" (= frz. Bonjour) an. Nachdem Jérôme nach Cassel kam und die Stadt quasi Besitz Frankreichs wurde, musste sich das Volk trotzdem relativ wohl gefühlt haben, da es selbst ab dieser Zeit mehr Freiheiten hatte und in dieser Hinsicht etwas luxuriöser leben konnte. Unter dem neuen Herrscher wurde zum Beispiel der Zunftzwang aufgehoben und die Patentsteuer eingeführt. Das hieß, dass sich die Menschen eine Tätigkeit jetzt frei aussuchen durften und nicht mehr gezwungen waren, einen bestimmten Beruf auszuüben. Stattdessen ermöglichte ihnen die Patentsteuer gegen einen Geldbetrag jedes Gewerbe auszuüben. Allerdings musste das Patent jährlich erworben werden. Für die damalige Zeit war diese Idee sehr fortschrittlich, denn alle (sogar Bettler, Musikanten etc.) durften für Geld jeden Beruf ausüben. Vor allem den Juden, die bisher nur im Bankgeschäft tätig sein durften, versprach diese neue Regelung viele Vorteile. Im Gegensatz zu früher waren sie jetzt auch gleichgestellte Bürger, hatten dieselben Rechte und auch Glaubensfreiheit.
Ein großer Luxus für den Bürger bestand auch in der unter Jérôme eingeführten öffentlichen Bürgerschule, einer Einrichtung, die der damaligen Zeit weit voraus war. Auch die Leibeigenschaft wurde verboten, was für den einfachen Bauern eine ungeheure Erleichterung brachte und im Gegensatz zum übrigen Europa großer Luxus war. Allgemein lehnten die Bürger zuerst die neue Herrschaft ab, fanden dann aber rasch Gefallen an dem neuen König und verstanden es, sich schnell anzupassen.
Viele Gewerbe wurden für die rauschenden Feste unter Jérôme gebraucht. So unter anderem Branntweinbrenner, Lieferanten, Juweliere usw. Besonders für diese liefen die Geschäfte gut, auch wenn die von Jérôme mitgebrachten Franzosen ihnen bald Konkurrenz machten.
So lebte das Volk für die damaligen Verhältnisse schon recht luxuriös. Natürlich darf man nicht heutige Maßstäbe anlegen, sondern man muss die Lebensbedingungen des Volkes in verschiedenen Ländern vergleichen.